Osmanisches Reich \(1683 bis 1856\): Vom Niedergang einer Großmacht


Osmanisches Reich \(1683 bis 1856\): Vom Niedergang einer Großmacht
Osmanisches Reich (1683 bis 1856): Vom Niedergang einer Großmacht
 
Die osmanischen Länder an der Wende zum 18. Jahrhundert
 
Im späten 17. Jahrhundert erstreckte sich der osmanische Staat noch immer über drei Kontinente, über Teile Asiens, Europas und Afrikas. Seine Einwohnerzahl kann allerdings nur sehr ungenau angegeben werden. Man geht von einer Größenordnung von 18 bis 20 Millionen Menschen aus (die Bevölkerung Europas soll um 1700 zwischen 100 und 120 Millionen betragen haben). Dabei wissen wir fast nichts über die Auswirkungen von Hungersnöten, Kriegen oder Epidemien auf die Untertanen des Sultans. Die erste, im Dienst der Rekrutierungen von Soldaten stehende »Volkszählung« sollte erst im Jahr 1831 erfolgen.
 
Durch die Niederlagen im Gefolge des Großen Türkenkriegs in Südosteuropa nach dem fehlgeschlagenen Wienfeldzug von 1683 verloren die Osmanen nicht nur reiche Ländereien, sondern auch bedeutende, weitgehend christliche Bevölkerungsteile. Erst die Kriege des 19. Jahrhunderts sollten zu Flucht und Vertreibung größerer muslimischer Gruppen aus dem Balkan, der Krim und den Kaukasusländern führen. Spätestens 1683 war offenkundig, dass die riesige osmanische Militärmaschine ohne tief greifende Neuerungen hinsichtlich Ausbildung und Technik den westlichen Gegnern nicht mehr gewachsen war.
 
Die Verbindungen Istanbuls mit seinen arabischen Besitzungen lockerten sich erst im Laufe des 18. Jahrhunderts. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war die Kontrolle des Osmanischen Reiches über seine arabischen und kurdischen Provinzen teilweise wieder hergestellt. Frankreich bemächtigte sich allerdings 1830 Algeriens. Die heutige Grenze zwischen der Türkei und Iran stabilisierte sich schon Mitte des 18. Jahrhunderts.
 
Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Bauern hatten sich wenig verändert, auch wenn im 17. Jahrhundert neue Ackerpflanzen wie Tabak und Mais hervortraten. Die Kaufleute und Zunftmitglieder der Städte verspürten die Konkurrenz der europäischen Handelsnationen jedoch immer deutlicher. Nur während der Kriegsjahre 1683—99, als eine Art »Waffenembargo« der europäischen Mächte wirksam war, bemühte man sich um den Ersatz für Importgüter. Die meisten privaten Manufakturen beschäftigten selten mehr als 5 bis 20 Arbeiter. Das Personal der »großen« Staatsbetriebe wie Kanonengießereien und Pulvermühlen erreichte 50 bis 100 Menschen. Eine Luxusindustrie fehlte fast ganz. Die Konsumbedürfnisse der Oberklasse wurden weitgehend durch Importe befriedigt. Anders als in Westeuropa protegierte der Staat die Produktionsstätten nicht. Staatliche Investitionen in Textilmanufakturen Anfang des 18. Jahrhunderts blieben kurzlebige Ausnahmen. Insgesamt herrschte eine feindselige Stimmung gegen die Akkumulation von Kapital in privater Hand.
 
Der Aufstieg von Aleppo und İzmir als Fernhandelszentren hatte sich im 17. Jahrhundert vollzogen. Die Versorgung Istanbuls mit Getreide aus dem europäischen Hinterland hatte für die Osmanen weiterhin höchste Priorität. Das Schwarze Meer sollte noch ein ganzes Jahrhundert so etwas wie ein osmanischer See bleiben, »so gut gesichert wie der Harem des Großherrn«, wie sich ein französischer Botschafter ausdrückte.
 
Der Große Türkenkrieg (1683—99)
 
Obwohl das Habsburgerreich nach 1683 zur Großmacht aufstieg und sich Russland unablässig nach Osten und Süden ausdehnte, hielt der osmanische Staat noch über zwei Jahrhunderte stand. Der Grund ist vor allem darin zu sehen, dass die Periode der Türkenkriege von dem relativ kriegsarmen 18. Jahrhundert abgelöst wurde, an dessen Ende sich die Osmanen in europäische Allianzsysteme einfügten — mehr als ein halbes Jahrhundert vor ihrer förmlichen Aufnahme in das »Europäische Konzert« im Jahr 1856.
 
Am 12. September 1683 hatte das alliierte Heer, das sich aus deutschen, lothringischen, österreichischen und polnischen Truppen zusammensetzte, die osmanische Armee am Kahlenberg oberhalb Wiens geschlagen. Der polnische König Johann III. Sobieski hatte als ranghöchster Fürst und Führer des größten Hilfskorps den Oberbefehl. Der türkische Kommandant Kara Mustafa Pascha flüchtete mit den Resten seiner Truppen. Sein auf der Strategie des »staatserhaltenden Krieges« beruhender Feldzugsplan war gescheitert. Noch im selben Herbst verloren die Osmanen die Festung Esztergom (Gran), eine ihrer am weitesten nach Mitteleuropa vorgeschobenen Bastionen, die, mit einer Unterbrechung, seit 1543 in ihrem Besitz war.
 
Papst Innozenz XI. brachte 1684 die Heilige Liga zustande. Sie bestand zunächst aus Österreich, Polen und Venedig; 1686 trat ihr auch Russland bei. Die Osmanen sahen sich nun in einen Vielfrontenkrieg zwischen Schwarzmeerraum und Adria verwickelt. Am 2. September 1686 wurde die erbittert verteidigte Festungsstadt Buda nach zweieinhalbmonatiger Belagerung durch Karl V. Leopold von Lothringen und Maximilian II. Emanuel von Bayern erobert. In offener Feldschlacht unterlagen die Osmanen 1687 bei Harsány unweit von Mohács, wo Sultan Süleiman I. 1526 triumphiert hatte. Noch im selben Jahr nahm der venezianische Generalkapitän Francesco Morosini nach einem heftigen Bombardement der Akropolis, bei der der Parthenon zerstört wurde, die Stadt Athen ein.
 
In dieser außergewöhnlichen Krise wurde Sultan Mehmed (Mohammed) IV., genannt Avcɪ, »der Jäger«, abgesetzt und in die Nebenresidenz Edirne verbracht. »Neununddreißig Jahre«, schrieb der große österreichische Orientalist Joseph von Hammer-Purgstall, hatte er als »Schatten eines Sultans auf dem Throne gesessen, nichts als ein gewaltiger Jäger vor dem Volke«. Übrigens waren Absetzungen Bestandteil des osmanischen politischen Systems. Rund die Hälfte aller Herrscher verlor zu Lebzeiten den Thron! Auch die Nachfolger Mehmeds IV., Süleiman II. und Ahmed II., griffen kaum in die Staatsgeschäfte ein.
 
Die kaiserliche Armee unter Kurfürst Maximilian II. Emanuel von Bayern besetzte Belgrad am 6. September 1688, nachdem Geschütze die Mauern tagelang sturmreif geschossen hatten. Belgrad sollte allerdings noch mehrfach den Besitzer wechseln, bis es 1867 serbische Hauptstadt wurde. Nachdem 1691 der fähige Staatsmann Fasil Mustafa Pascha aus der bedeutenden Familie Köprülü in der Schlacht von Slankamen, etwa 40 Kilometer nördlich von Belgrad, am Ende einer kraftvollen osmanischen Gegenoffensive gefallen war, verbanden sich 1695 mit dem Thronantritt Mustafas II. neue Hoffnungen. Er war der erste Sultan des 17. Jahrhunderts, der nicht als Kind und nicht als ein durch lange Aufenthalte in der Isolation des Palastes Gebrochener oder Geistesschwacher den Thron bestieg. Der Sultan setzte sich persönlich an die Spitze des Heeres. Die osmanische Niederlage von Zenta (heute Senta) an der Theiß gegen die kaiserliche Armee unter dem Prinzen Eugen von Savoyen-Carignan 1697 führte zu Friedensverhandlungen. Im Vertrag von Karlowitz (heute Sremski Karlovci) vom 26. Januar 1699 mussten die Osmanen das gesamte historische Ungarn bis auf Temesvar abtreten. Venedig erhielt die Peloponnes und Teile Dalmatiens; Podolien und die westliche Ukraine wurden Polen zugeschlagen.
 
 Das 18. Jahrhundert
 
Wie schon zur Zeit Mehmeds IV. hatte sich unter Sultan Mustafa II. die Staatsspitze bevorzugt in Edirne aufgehalten mit allen Folgen für die Kontrolle Istanbuls. Im Sommer 1703 rebellierten in der Hauptstadt einige Truppenteile wegen ausbleibender Soldzahlungen. Diesem Aufstand schlossen sich Janitscharen an, Prophetenabkömmlinge (Saijids) und Schüler der Medresen, der islamischen Hochschulen. Der seit acht Jahren im Amt befindliche oberste Mufti, der Scheichülislam Feisullah Efendi, wurde zum Hauptsündenbock für die Aufständischen. Feisullahs Einfluss auf den Sultan, seinen ehemaligen Schüler, war in der Tat erheblich, sein Nepotismus beispiellos. Zum ersten und einzigen Mal in der osmanischen Geschichte hatte sich ein Scheichülislam vom Herrscher die Nachfolge im Amt für seinen Sohn bestätigen lassen. Die Revolution sprang bald von Istanbul nach Edirne über. Der flüchtige Scheichülislam wurde von den Aufständischen halbnackt auf einem Esel durch die Straßen geführt und förmlich gelyncht. Während dieser Ereignisse, dem Vorfall von Edirne, wurde übrigens ernsthaft über Alternativen zum Haus Osman nachgedacht.
 
Ahmed III. (1703—30)
 
Als im August 1703, nach der Absetzung Mustafas II., sein Bruder als Ahmed III. den Thron bestieg, ließ er die Rebellen liquidieren. Zu diesem Zeitpunkt konnte noch niemand voraussehen, dass auch seine Herrschaft mit einer blutigen Erhebung zu Ende gehen sollte. Unter Ahmed III. wurden die Osmanen in den Gegensatz zwischen Russland und Schweden verwickelt. Der von ihnen »Eisenkopf Karl« genannte Schwedenkönig Karl XII. hatte sich nach der Schlacht von Poltawa 1709 auf osmanisches Territorium gerettet. Das Osmanische Reich erklärte Russland auf Karls Drängen 1710 den Krieg. Im Pruthfeldzug Peters des Großen gelang es den Osmanen im Juli 1711, das russische Heer einzuschließen. Der Großwesir Baltacɪ Mehmed Pascha akzeptierte als Oberbefehlshaber die von Peter dem Großen angebotenen Friedensbedingungen. Als Ergebnis des Russisch-Türkischen Krieges erhielten die Osmanen im Frieden von Edirne 1713 die wichtige Festung Hotin zurück.
 
Venedig als schwächster Feindstaat löste 1714 eine erneute Auseinandersetzung um Südgriechenland aus. Das osmanische Landheer und die Flotte operierten in den folgenden Jahren so erfolgreich, dass Österreich nach einem erneuten Beistandspakt mit Venedig ein Ultimatum an die osmanische Regierung, die »Hohe Pforte«, richtete. Im Türkenkrieg von 1716 triumphierte Habsburg erneut unter seinem Heerführer Prinz Eugen, der schon an den Feldzügen seit 1683, vor allem aber 1687/88 und — als Oberbefehlshaber — 1697, teilgenommen hatte. Nach der osmanischen Niederlage bei Petrovaradin am 5. August 1716 wurden das gesamte Banat mit Temesvar sowie die Kleine Walachei besetzt. 1717 fiel Belgrad in die Hände der Kaiserlichen, ein osmanisches Entsatzheer erlitt eine Niederlage.
 
1718 wurde der Vertrag von Passarowitz (heute Požarevac) unterzeichnet und ratifiziert. Österreich erhielt Nordserbien mit Belgrad zugesprochen, das Banat, einen Teil der Kleinen Walachei und einige Gebiete in Bosnien. Venedig verlor zwar die Peloponnes und seine letzten Häfen auf Kreta, konnte jedoch Korfu, die Ionischen Inseln und einige Plätze in Dalmatien behalten. Auch wurden beiden Staaten bestimmte Handelsvorteile eingeräumt.
 
Der große Wienfeldzug von 1683 wäre bei kriegerischen Verwicklungen mit dem persischen Nachbarn undenkbar gewesen. 1723 standen sich Osmanen und Perser wieder feindlich gegenüber. Freilich war dies keine Neuauflage der safawidisch-osmanischen Gegensätze. Die iranische Dynastie der Safawiden war 1722 unter dem Ansturm eines ehemaligen afghanischen Vasallen zusammengebrochen. Sowohl das Zarenreich als auch der Osmanenstaat nutzten die Lage zu Feldzügen gegen Iran. 1724 kam auf Vermittlung des französischen Gesandten bei der Pforte ein Teilungsabkommen zustande, bei dem den Russen Derbent, Baku und die nordiranische Provinz Gilan zufielen, den Osmanen alle Territorien westlich der Linie Ardebil-Hamadan.
 
Unter Ahmed III. verschärften sich, nicht zuletzt wegen der Kriege gegen Iran, die zur Einführung einer Sondersteuer zwangen, die sozialen und wirtschaftlichen Probleme. Nach 1720 zeigten sich als Symptome eine allgemeine Verteuerung, der Zusammenbruch der Zunftordnung und anhaltende Stadtflucht. Viele Zeitgenossen fanden den Luxus und die Ausschweifungen höfischer Kreise, vor allem in der Umgebung des Großwesirs Newschehirli Ibrahim Pascha (1718—30), als besonders herausfordernd. Die Spannungen entluden sich im Patrona-Halil-Aufstand, der zum Sturz Ahmeds III. führte, auch wenn dieser zuvor seinen Großwesir den Rebellen geopfert hatte. Damit endete die — erst wesentlich später — »Tulpenzeit«, ein Abschnitt der osmanischen Geschichte, der mit der Amtszeit Ibrahim Paschas zusammenfällt.
 
Russland als treuester Gegner der Osmanen
 
Ein zweiter Krieg desselben Jahrhunderts gegen Russland und das mit ihm verbündete Österreich hatte einen unerwarteten Ausgang. Österreich sah sich im Frieden von Belgrad 1739 um einen erheblichen Teil der im Großen Türkenkrieg erworbenen Beute betrogen. Der Krieg war von Russland am Rand der Krim 1735 ausgelöst und 1736 förmlich erklärt worden. Während das russische Heer unter Burkhard Graf Münnich eine Reihe von Erfolgen erzielte, operierten die Österreicher im Raum Niš und Vidin recht glücklos. Ihr Verhandlungsführer willigte in die Abtretung Serbiens mit Belgrad, der Kleinen Walachei und Orsova an die Osmanen ein. Mit dem Frieden von Belgrad wurde die 50 Jahre lang unbestrittene Vormacht Österreichs auf dem Balkan beeinträchtigt. Die orthodoxen Balkanvölker setzten nun auf Russland als entscheidende Schutzmacht, obwohl auch dieses Zugeständnisse hatte machen müssen.
 
Während Russland 1735/36 selbst den Krieg mit dem Osmanischen Reich gesucht hatte, entstand durch eine osmanische Kriegserklärung im Herbst 1768 für Katharina II., die stark in die polnische Frage verwickelt war, eine eher unerwünschte Lage. Die Zarin erzielte dennoch zu Lande und zu Wasser spektakuläre Erfolge. Ein russisches Flottengeschwader erschien Anfang 1770 vor der Küste der Peloponnes und unterstützte aufständische Griechen, die Mainoten. In der Seeschlacht von Çeşme am 7. Juli 1770 vor İzmir wurde die türkische Flotte vernichtet. In der Folge wurde selbst der Hafen von Beirut zweimal, 1772 und 1773, durch russische Schiffe bombardiert. Ähnlich erfolgreich operierten die russischen Landstreitkräfte im Schwarzmeerraum. Nach der Besetzung der Krim kapitulierte der Khan der Krimtataren, Selim Girai, im Jahre 1771.
 
In Kütschük Kainardschi (Küçük Kaynarca), dem heutigen bulgarischen Dorf Kajnardscha bei Silistra an der Donau, wurden am 21. Juli 1774 die russischen Territorialgewinne durch einen Vertrag besiegelt. Der Vertrag wird allgemein als Ursprung der »Orientalischen Frage« im Sinne der Art und Weise, wie das Osmanische Reich aufzuteilen sei, verstanden.
 
Russland erwarb nicht nur ungeheure Landmassen, sondern erhielt auch den endgültigen Zugang zum Schwarzen Meer und der Donau. Besonders wichtig war aber auch die Anerkennung eines russischen Protektorats über die beiden Donaufürstentümer Mol- dau und Walachei. Katharina schritt noch nicht zur Annexion der von ihr besetzten Halbinsel Krim, erreichte aber die Loslösung des Khanats von der Pforte. Gleichzeitig gestand man dem Sultan, der auch den Kalifentitel trug, eine Art geistliche Oberaufsicht über die dortigen Muslime zu. Hier handelt es sich um eine Konstruktion, die sich mit dem islamischen Verständnis des Kalifats eigentlich nicht verbinden lässt. Artikel7 des Vertrags verpflichtet die Pforte, »die christliche Religion und ihre Kirchen in zuverlässigen Schutz zu nehmen«. Mit dieser Formulierung wurde Russlands Anspruch als Schutzherrin der christlichen Völker, nicht nur auf dem Balkan, unterstrichen. Katharina begnügte sich nicht mit dem 1774 Erreichten und löste 1783 mit der Annexion der Krim, der Tamanhalbinsel und des Kubangebietes den zweiten Türkenkrieg ihrer Herrschaft aus.
 
Obwohl Österreich, das wie im vorausgegangenen Krieg mit Russland verbündet war, in einem Sonderfrieden 1791 ausschied, erreichte die Zarin 1792 im Frieden von Jassy in der Moldau die Bestätigung ihrer Annexionen und weiteren Gebietszuwachs.
 
Das Jahrhundert der »Talfürsten«
 
Das osmanische politische und soziale System hatte sich während des 18. Jahrhunderts langsam, jedoch tief gehend gewandelt. Eine dieser Veränderungen betraf den Aufstieg der Finanzbürokraten (»Efendis werden zu Paschas«). Das Amt des Großwesirs wurde jetzt immer häufiger von Würdenträgern aus der Verwaltung besetzt, die ihren Weg über das Amt des Kanzleichefs (reisülküttab) gemacht hatten.
 
Das »klassische« osmanische Herrschaftssystem hatte auf einer Form von checks and balances, einem ausbalancierten Verhältnis zwischen den Provinzialgouverneuren (Sandschakbeis), Finanzbeamten (Defterdaren) und Richtern (Kadis) beruht. Gouverneure waren in Krisenzeiten von der Zentrale ermutigt worden, sich eigene Söldnertruppen zuzulegen, für die in Friedenszeiten wenig Verwendung bestand. Nicht wenige Gouverneure suchten durch Besteuerung der Untertanen (Rajah) diese Haustruppen zu unterhalten. Die Kadis suchten ihrerseits oft Anlehnung an die lokalen Notabeln.
 
Die Mitte des 18. Jahrhunderts bildete zugleich den Höhepunkt der Verselbstständigung dieser lokalen Familien und Statthalter in den meisten Provinzen. Dabei spielte es eine geringere Rolle, ob sich die einzelnen »Talfürsten« (derebeyi) oder »Notabeln« (ayân) förmlich von der Pforte lossagten oder nicht. Zahlreiche Familien erreichten das Recht zur unmittelbaren Einziehung von Steuern.
 
In Ägypten machte sich 1760 mit Ali Bei (entmachtet 1772) eine Figur selbstständig, die ein Bündnis mit einem weiteren Rebellen, dem Gewaltherrscher von Galiläa, Sahir al-Omar aufnahm. In Damaskus gaben die al-Asm von 1725 bis 1807 den Ton an, in Sidon (Südlibanon) Ahmed Pascha al-Djassar. Beirut und Teile des Libanongebirges wurden seit 1749 von den Emiren der sunnitischen Familie Schihab kontrolliert. Im Irak hatte sich seit Anfang des Jahrhunderts nach ägyptischem Muster ein Mamelucken-System herausgebildet: Anstelle eines von Istanbul entsandten Statthalters herrschten lokale Machthaber, die aus einer Militärelite hervorgegangen waren. Die Zahl der Mamelucken wurde ständig durch im Kaukasusgebiet gekaufte Sklaven georgischer oder tscherkessischer Herkunft ergänzt. Ihr mächtigster Vertreter war Süleiman (Pascha) der Große (1780—1802), der große Teile des heutigen Irak unter seine Kontrolle brachte.
 
Auf der arabischen Halbinsel war der Jemen der osmanischen Herrschaft völlig entglitten. Im 18. Jahrhundert gelang der Schutz der Pilgerstraßen nach Medina und Mekka nur noch unvollständig. So führte 1757 ein beduinischer Angriff auf die Karawane der Pilger zum Tod von über 2000 Menschen. Ende des Jahrhunderts wurde die Lehre des radikalen Religionsreformers Mohammed ibn Abd al-Wahhab durch die arabische Familie Saud mit Waffengewalt vorgetragen. Die Wahhabiten richteten sich sowohl gegen die sunnitische Orthodoxie der Osmanen als auch gegen die Schia Persiens. Auch in der Abwehr dieser Bewegung versagte der Sultan-Kalif, der seit Selim I. den Titel »Hüter der beiden Heiligen Stätten« (Mekka und Medina) führte.
 
Die Einführung des Buchdrucks
 
Die osmanische Kultur öffnete sich zwischen dem Anfang und dem Ende des Jahrhunderts zunehmend westlichen Einflüssen. Das Druckwesen wurde 1728/29 eingeführt — Jahrhunderte nach den ersten Druckereien der christlichen und jüdischen Minderheiten. Der aus Siebenbürgen stammende Konvertit Ibrahim Müteferrika legte dem Großwesir Ibrahim Pascha eine Denkschrift über die Nützlichkeit des Druckens von Büchern vor, in der er insbesondere an die in den großen Kriegen verloren gegangenen Handschriften erinnerte. Unter der Voraussetzung, keine Werke aus dem Gebiet der islamischen Traditionswissenschaften zu veröffentlichen, erhielt Müteferrika 1727 die Druckerlaubnis. In den folgenden 64 Jahren erschienen allerdings nur 24 Titel, was das geringe Interesse der osmanischen Gesellschaft an dem neuen Medium ausdrückte.
 
 Selim III. (1789—1807)
 
Im Laufe der Kriege des 18. Jahrhunderts wuchs die Überzeugung, dass ohne die Einrichtung regulärer Bildungsanstalten keine Fortschritte zu erzielen wären. Ausländer wie der Graf von Bonneval oder der Baron de Tott beteiligten sich an der Reorganisierung des Heeres und der Stärkung der Festungen an den Meerengen. Claude Alexandre Graf von Bonneval, der sich mit Prinz Eugen überworfen hatte, war zu den Osmanen übergelaufen und zum Islam übergetreten; er baute unter dem Namen Ahmed Pascha ein modernes Artilleriekorps auf. An den osmanischen Erfolgen, die 1739 zum Frieden von Belgrad führten, hatte er wesentlichen Anteil. Baron François de Tott war nach den Niederlagen der Flotte bei Çeşme 1770 vor allem mit der Befestigung der Meerengen beschäftigt. Seine »Mé moires sur les Turcs et les Tartares« von 1784 galten als wichtigstes Türkeibuch des späten 18. Jahrhunderts.
 
Im Jahr 1789, wenige Monate vor dem Sturm auf die Bastille, wurde dem jungen Selim III. als Nachfolger von Sultan Abd ül-Hamid (Abdülhamid) I. gehuldigt. Der siebenundzwanzigjährige Thronfolger hatte eine sorgfältige Erziehung genossen. Als Prinz unterhielt er einen Briefwechsel mit dem französischen König Ludwig XVI. Ein junger Mann aus der Umgebung Selims, Ishak Efendi, war nach Paris zum Studium der französischen Zivilisation geschickt worden.
 
Eine moderne Truppe
 
Als Herrscher unterrichtete sich Selim III. aber auch über die Verhältnisse im benachbarten Österreich. Eine umfassende Reformschrift, die ein ehemaliger Gesandter in Wien dem Sultan vorlegte, bezeichnete viele Einrichtungen des Kaiserreichs als vorbildhaft. Ab 1793 wurde das »Neue Regime« (Nizâm-ι cedîd) zum Schlüsselwort für alle Reformen und zugleich die Bezeichnung für die wichtigste Einzelmaßnahme des Sultans, die Aufstellung einer modernen Truppe. Der Sultan wagte zwar zunächst keine tieferen Eingriffe in die seit Jahrhunderten existierenden Janitscharen- und Reiterkorps (sipâhî). Doch stellte er ab 1794 Schützenregimenter auf, die er mit den bostancɪ genannten, ihm unmittelbar unterstellten Truppenteilen verband, weil sich die Janitscharen weigerten, mit ihnen gemeinsam zu dienen. Am Ende der Herrschaft Selims III. gab es etwa 23000 modern ausgebildete und bewaffnete Soldaten, die sich auf drei Regimenter verteilten. Diese Streitmacht war nicht groß genug, um in den Kriegen und Aufständen auf die Unterstützung von »Privatarmeen« mächtiger Provinzherren zu verzichten. 1805 kam es zum offenen Aufstand gegen die Einberufungen in die Reformtruppe. Zwei Jahre später weigerten sich die Janitscharen in der Bosporusfestung Rumeli Kavağɪ, die neuen Uniformen anzulegen. In einer Koalition von Janitscharen, hohen Würdenträgern des Palastes und dem Scheichülislam wurde Selim III. im Mai 1807 abgesetzt. Sein Nachfolger Mustafa IV. ließ ihn ein Jahr darauf ermorden, als der mächtige balkanische »Provinzfürst« Bairaktar Mustafa Pascha versuchte, den ehemaligen Sultan wieder einzusetzen.
 
Selim hatte zunächst nichts unternommen, um den 1787 von Katharina II. angefachten Krieg gegen Russland, dem sich ein Jahr später Österreich angeschlossen hatte, zu beenden — trotz der Niederlage bei Rymnik (Rîmnicu Sărat in Ostrumänien) wenige Monate nach seinem Thronantritt. In diesen Jahren versuchten die Osmanen durch einen Vertrag mit Schweden 1789 und eine Allianz mit Preußen 1791 ihren Bewegungsspielraum zu erhalten. Österreich schied aus dem Krieg aus, während mit Russland erst 1792 — wie oben dargestellt — ein Friedensabkommen geschlossen wurde.
 
Die erste und spürbarste Auswirkung der Französischen Revolution auf die osmanischen Länder war Napoléon Bonapartes Ägyptenfeldzug (1798—99), der an der Überlegenheit der britischen Flotte am 1. August 1798 in der Seeschlacht bei Abukir scheiterte. Nach jahrhundertelanger wirkungsvoller Zusammenarbeit mit Frankreich erklärte das Osmanische Reich dem alten Verbündeten den Krieg und ging 1799 eine Allianz mit Großbritannien und Russland ein. Auf diese Weise wurde das Osmanische Reich das erste und einzige nichtwestliche Mitglied in einem europäischen System von Allianzen. Ein bemerkenswerter Ausdruck der völlig veränderten Vorzeichen war das gemeinsame Protektorat, das Russen und Türken von 1799 bis 1806 über Korfu ausübten.
 
 Mahmud II. (1808—39)
 
Im Zusammenhang mit der Ermordung Selims III. war Mahmud als einziger legitimer Nachfolger im letzten Augenblick gerettet worden. Bairaktar Mustafa Pascha machte sich zum Großwesir und berief 1808 eine Versammlung von Provinznotabeln ein, die das »Dokument der Einmütigkeit« (sened-i ittifak) verabschiedeten, das man als eine quasikonstitutionelle Vereinbarung bezeichnet hat, weil es die Machtstellung der »Talfürsten« stärkte, ohne (militärische) Reformen auszuschließen. Mahmud II. hatte wie Selim III. bei seinem Thronantritt einen anhaltenden Krieg übernommen. Er schloss mit England 1809 Frieden, während Russland erst 1812 unter dem Eindruck der Bedrohung durch Frankreich den Vertrag von Bukarest unterzeichnete.
 
Auflösungserscheinungen
 
In Ägypten war aus den Wirren nach der Vertreibung der französischen Truppen durch osmanisch-britische Kräfte ein bisher unbekannter Befehlshaber eines albanischen Truppenteils siegreich hervorgegangen: Mehmed (Muhammad) Ali. Schon 1805 war die Pforte gezwungen, diesen fähigen Politiker, der dem Nilland wieder geordnete Verhältnisse garantierte, als Statthalter (Wali) anzuerkennen. Während der Napoleonischen Kriege war Ägypten ein wichtiger Weizenlieferant Europas geworden. 1821/22 wurde die exportorientierte ägyptische Baumwollmonopolkultur geschaffen. Auf diese Weise erhielt Ägypten im Gegensatz zu den Kernprovinzen des Osmanenstaates eine ausreichende finanzielle Grundlage für Reformen im Bereich von Verwaltung, Militär und Bildung.
 
Im napoleonischen Zeitalter löste sich zum ersten Mal eine christliche Bevölkerungsgruppe aus dem Osmanischen Reich, um als eigene Nation die Bühne der Weltgeschichte zu betreten: 1804 hatten sich die Serben unter dem Bauernsohn Karaore aus Kragujevac erhoben. Es gelang ihm, 1805 eine Verfassung mit Senat und Volksversammlung (Skupschtina) durchzusetzen. Erst ein zweiter serbischer Aufstand unter Milos Obrenović 1815 führte zur faktischen Unabhängigkeit der Serben, die sich an Russland anlehnten, ohne den osmanischen Oberherren die Loyalität förmlich aufzukündigen.
 
Von Istanbul aus gesehen war das griechisch-albanische Herrschaftsgebiet des abtrünnigen Ali Pascha von Janina (um 1744 bis 1822) die größte innere Bedrohung des Reiches. Um 1800 umfasste es Epirus, Südalbanien, Teile Thessaliens und Westmakedonien mit etwa einer Million Einwohnern. Sein Abfall von der Pforte wurde übrigens ernster genommen als der Aufstand der »Klephten« genannten Freischärler im südlichen Griechenland.
 
Die Gründung der »Gesellschaft der Freunde« (Hetairia Philikon) 1814 in Odessa wird als Beginn der griechischen Unabhängigkeitsbewegung angesehen. Sie unterschied sich von früheren sporadischen Revolten durch ihr klares Ziel einer völligen Unabhängigkeit des Landes (»Embryo-Nationalismus«). Für das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel war diese epanastasis (Erhebung) nur eine apostasia, ein Abfall vom Glauben. Der Patriarch Gregorios V. exkommunizierte die Aufständischen, was ihn aber nicht vor der Hinrichtung durch Hängen bewahrte. Die griechischen Aufständischen hatten sich noch 1821 in den Besitz der ganzen Morea (der Peloponnes) gesetzt und im folgenden Jahr ihren ersten Seesieg — bei der Insel Spetse — errungen. Später verschlechterte sich die Lage der Aufständischen, die im Metternichschen System (»Ich kenne keine Griechen, nur christliche Untertanen des Sultans«) zunächst in Europa nur begrenzten Rückhalt erfuhren.
 
1825 landeten 70000 gut ausgebildete ägyptische Truppen unter dem Sohn Mehmed Alis, Ibrahim Pascha, und eroberten mit Tripolitsa (Tripolis) einen Hauptort der Peloponnes. Zwei Jahre später war auch Athen wieder im Besitz der Osmanen. Die Großmächte wollten zu diesem Zeitpunkt nicht weiter gehen, als Griechenland bei innerer Autonomie als tributpflichtiges Fürstentum der Pforte zu unterstellen.
 
Die Seeschlacht bei Navarino/Pylos in Messenien am 20. Oktober 1827, die letzte große Auseinandersetzung mit Segelschiffen auf dem Mittelmeer, endete mit der völligen Zerstörung der osmanisch-ägyptischen Flotte durch eine britisch-französisch-russische Seemacht. 1828 griff Russland auch mit seinem Landheer ein. Zum ersten Mal in der osmanischen Geschichte war Edirne besetzt, Istanbul unmittelbar bedroht. Im Frieden von Edirne/Adrianopel (14. September 1829) wurde die Arta-Volos-Linie als Nordgrenze eines unabhängigen Griechenlands festgelegt, das in etwa dem griechischen Territorium klassischer Zeit entsprach.
 
Die Vernichtung der Janitscharen
 
Dem Sultan war es gelungen, einen Teil des Janitscharenheeres in eine neue Eliteeinheit zu überführen, die eşkinciyân. Obwohl sich Mahmud II. der Mitwirkung der religiösen Elite und hoher Bürokraten, ja selbst der Janitscharenoffiziere versichert hatte, blieb eine Revolte der Truppe nicht aus. In der Nacht vom 14. auf den 15. Juni 1826 wurden die Kasernen der Istanbuler Regimenter von loyalen Truppen unter Feuer genommen, zwei Tage später das gesamte Korps zerschlagen. Mit den Janitscharen wurde auch die Bruderschaft der Bektaschis aufgelöst; ihre Konvente wurden den staatsnäheren Nakschbendis überschrieben. Die Verbindung zwischen den Janitscharen und den als nicht rechtgläubig geltenden Bektaschis wird zwar allgemein als feststehende Tatsache gesehen, lässt sich aber im Einzelnen schwer belegen. Man klagte sie der Vernachlässigung der Pflichtgebete und des Fastengebots an. Jedenfalls kam die Beschlagnahmung ihres Agrarbesitzes der Staatskasse zugute. Ein äußeres Zeichen dafür, dass nun »eine andere Musik« in den osmanischen Kasernen spielte, war die Berufung von Giuseppe Donizetti zum Leiter der Hof- und Militärmusik im Jahre 1828.
 
Die letzten Jahre Mahmuds II. waren von dem Gegensatz zu dem starken »Gouverneur« Ägyptens bestimmt. Der Sultan hatte Mehmed Ali als Belohnung für das Eingreifen ägyptischer Truppen im griechischen Aufstand die Regentschaft über Kreta und die Peloponnes zugesagt. Da dieses Versprechen nicht einlösbar war, forderte Mehmed Ali Syrien als Ersatz. Die rasch vordringenden ägyptischen Truppen wurden erst durch die osmanisch-russische Konvention von Kütahya im Jahre 1833 aufgehalten.
 
Trotz der prekären äußeren Gegebenheiten sorgte Mahmud für einen Umbau wichtiger Staatsorgane. Der Palast wurde gestärkt, das Großwesirat in eine Art Premierministerium verwandelt. 1836/38 entstanden mit den Ministerien für äußere, innere und finanzielle Angelegenheiten erste »klassische« Ressorts. Besonders wichtig war die Einrichtung eines obersten Beratungsausschusses für Rechtsangelegenheiten. Größtes Augenmerk richtete der Sultan auf die Stärkung der Armee. Helmuth von Moltke, der spätere preußische Generalfeldmarschall, hielt sich zwischen 1835 und 1839 im Osmanischen Reich als Militärberater auf.
 
Der Versuch, Syrien von der ägyptischen Besatzungsmacht zurückzugewinnen, scheiterte zunächst mit der Niederlage von Nizip am 24. Juni 1839, wenige Tage vor dem Ableben Mahmuds. Die ägyptische Frage wurde 1840 in der Form gelöst, dass Mehmed Ali die Erblichkeit seines »Vizekönigtums« im Austausch für die Rückgabe Syriens und Palästinas zugestanden wurde.
 
Ein neues Handelssystem
 
Ein 1838 unterzeichnetes Handelsabkommen mit Großbritannien öffnete den osmanischen Markt für britische Waren und führte zur gänzlichen Abschaffung von Staatsmonopolen im folgenden Jahr. Das Osmanische Reich hatte ungünstige Konditionen in Kauf genommen, um sich der Unterstützung Großbritanniens im Streit mit Ägypten zu versichern. Der Wert britischer Exporte in das Osmanische Reich hatte sich schon in den späten Zwanzigerjahren des 19. Jahrhunderts verdoppelt, vor 1837 stieg er erneut auf das Zweifache. Mit dem Abkommen von 1838 wurde es ausländischen Kaufleuten gestattet, im Rahmen der gültigen Zollvorschriften überall Handel zu treiben. Einfuhrzölle lagen nun bei drei Prozent, Binnenzölle wurden mit zwei Prozent abgegolten, auf Ausfuhren wurden 12 Prozent erhoben. Man hat das osmanische Handelsregime dieser Jahrzehnte als eines der liberalsten weltweit bezeichnet.
 
Auch die osmanischen Eliten hatten längst erkannt, dass der schwache Schutz des Eigentums, die ungenügende Rechtssicherheit insgesamt die Einnahmequellen versiegen ließen und Interventionen des Auslandes herausforderten. Unmittelbar nach dem Tode Mahmuds II. begann eine neue Epoche der osmanischen Geschichte, die sich nicht mehr mit vereinzelten Reformmaßnahmen begnügte, sondern das ganze System im Sinne eines zentralistischen, bürokratischen Staatswesens umbaute.
 
 Die Tansimatedikte
 
Abd ül-Medjid I. (1839—61) und das Edikt von Gülhane
 
Als der sechzehnjährige Abd ül-Medjid (Abdülmecid) 1839 seinem Vater Mahmud II. folgte, stand ihm mit Mustafa Reschid Pascha eines der großen Talente des an politischen Begabungen nicht armen 19. Jahrhunderts zur Seite. Reschid hatte als Botschafter in Paris und London Erfahrungen gesammelt, bevor er Außenminister wurde. Das Großwesirat hatte er bis zu seinem Ableben 1858 sechsmal inne. Reschid entwarf auch den Text des Edikts von Gülhane.
 
Der Erlass, türkisch Hatt-ι şerîf, trägt seinen Beinamen »Rosenhaus« (Gülhane) nach einem unterhalb des Topkapɪ-Serails gelegenen Pavillon. An diesem Ort hielt sich der junge Sultan auf, als das Reformpapier am 3. November 1839 von dem Großwesir Reschid Pascha verlesen wurde. Die Epoche zwischen diesem Ereignis und der »Ersten Konstitution« von 1876 wird als Tansimatzeit bezeichnet, weil an ihrem Beginn tanzîmât-ι hayriye, das sind »wohltätige Verordnungen«, erlassen wurden. Hatte sich das Reformwerk seiner Vorgänger weitgehend auf militärische Gegenstände und die Neuorganisation der Zentralregierung beschränkt, wurden unter Abd ül-Medjid eine Folge von Maßnahmen ergriffen, die für die Tansimat-Zeit charakteristisch sind.
 
Schon die Grundbestimmungen der im Edikt von Gülhane angekündigten Gesetze bezogen sich auf die Sicherheit des Lebens, den Schutz der Ehre und des Vermögens, die Festlegung der Steuern, die Art und Weise der Aushebung der nötigen Truppen und die Dauer ihrer Dienstzeit. Das grassierende Bestechungswesen wurde als »Hauptursache des Verfalls« angesprochen.
 
In den folgenden Jahren kam es zu Rechtsreformen nach europäischem, vor allem französischem Vorbild — so die Kodifizierung des Zivil- und Strafrechts, des Handels- und Bodenrechts —, zum Aufbau einer zentralistischen Provinz- und Kommunalverwaltung und zur Neuordnung des Bildungswesens. Die Stellung von Juden und Christen wurde verbessert, der Sklavenhandel 1847 verboten.
 
Abd ül-Medjid selbst war der erste osmanische Herrscher, der Französisch als Weltsprache des 19. Jahrhunderts so weit gelernt hatte, dass er die Pariser Blätter verfolgen konnte. Das erlaubte ihm, ebenfalls eine unerhörte Neuerung, mit den Vertretern ausländischer Mächte unmittelbar in Kontakt zu treten. Einen erheblichen Einfluss auf den Sultan übte auch der britische Gesandte Lord Stratford Canning aus. Der Sultan zeigte sich häufig in der »Öffentlichkeit«, besuchte den Ministerrat und unternahm sogar in den Jahren 1844 und 1846 ausgedehnte Inspektionsreisen in nähere Provinzen. Man sah den Sultan in der Loge der Istanbuler Oper und gegen Ende des Krimkriegs sogar auf einem Ball des französischen Botschafters.
 
Die Oberschichten Istanbuls imitierten zunehmend die luxuriösen Vergnügungsformen des Westens. Da sich zahlreiche Mitglieder des Hofes daran beteiligten, wuchs die Belastung der Staatskasse ins Unermessliche.
 
Der Krimkrieg und das »Großherrliche Handschreiben«
 
Der Krimkrieg hatte nicht etwa eine Rückgewinnung der Halbinsel zum Ziel. Die Auseinandersetzung zwischen Russland und dem Osmanischen Reich trägt seinen Namen allein wegen des Hauptkriegsschauplatzes. Unmittelbarer Auslöser war die russische Forderung von 1853, die unmittelbare Schutzherrschaft über die orthodoxen Untertanen des Sultans zu übernehmen, nachdem Napoleon III. 1852 für die Katholiken einige Vorteile erwirkt hatte. Das Osmanische Reich erklärte den Krieg, nachdem russische Truppen die Donaufürstentümer besetzt hatten. Ein britisch-französischer Flottenverband lief zum Schutz der türkischen Schwarzmeerküste aus, bald danach landeten die Alliierten an der Küste der Krim. Das bekannteste Ereignis dieses Krieges ist die Belagerung Sewastopols, die mit dem Sieg der Franzosen endete. Aus osmanischer Sicht war die erneute Kapitulation von Kars, ihrer wichtigsten Festung im Südkaukasus, am 16. November 1855 besonders schmerzlich.
 
Das zweite große Tansimatedikt wurde am 18. Februar 1856 erlassen, wenige Wochen vor dem Frieden von Paris. Es trägt den wenig aussagekräftigen Namen »Großherrliches Handschreiben« (Hatt-ɪ hümâyûn). Zahlreiche Bestimmungen betreffen den Status der christlichen Minderheiten, denen nun sogar der Zugang zum Militärdienst eröffnet wurde. Dieser zweite Tansimaterlass sollte verhindern, dass die europäischen Staaten beim Pariser Friedensschluss ihrem osmanischen Verbündeten direkte Vorschriften über die Gleichstellung der christlichen Untertanen machten. Artikel9 des Vertrages von Paris sagt ausdrücklich, dass keine der Mächte sich in die inneren Angelegenheiten des Reiches einmischen dürfe. Aber die bloße Erwähnung des »Hatt« konnte als Einladung an die europäischen Staaten verstanden werden, über die Ernsthaftigkeit der Reformen zu wachen. Es sollte sich in den kommenden Jahrzehnten zeigen, dass die europäischen Mächte weder auf direkte Eingriffe verzichteten noch die in Paris »garantierte« territoriale Integrität des Osmanischen Reiches respektierten. Im Frieden von Paris kam es nur zu geringeren Gebietsveränderungen an der Donaumündung. Das Osmanische Reich erhielt die Festung Kars zurück. Dem Sultan wurde vom britischen Gesandten der Hosenbandorden verliehen.
 
Prof. Dr. Klaus Kreiser
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Osmanisches Reich: 1856 bis 1918
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Osmanisches Reich (bis 1683): Geburt und Aufstieg einer Weltmacht
 
 
An economic and social history of the Ottoman Empire, 1300-1914, herausgegeben von Halil Inalcik und Donald Quataert. Cambridge u. a. 1994.
 Gibb, Hamilton A.: Islamic society and the West. A study of the impact of Western civilization on Moslem culture in the Near East, Band 1: Islamic society in the eighteenth century. London 1950-57. Nachdruck London 1969.
 Matuz, Josef: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. Darmstadt 31994. Nachdruck Darmstadt 1996.
 Shaw, Stanford J.: Between old and new. The Ottoman Empire under Sultan Selim III. 1789-1807. Cambridge, Mass., 1971.
 
Türkische Kunst und Kultur aus osmanischer Zeit. 2 Bände Ausstellungskatalog Museum für Kunsthandwerk, Frankfurt am Main. Recklinghausen 21985.

Universal-Lexikon. 2012.

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